Gleichzeitig online zusammen Musizieren während Corona

Singen ist gefährlich. Anfang des Jahres hätte niemand gedacht, dass Chorproben als Gefahr angesehen werden würden. Während Schulen mehr oder weniger über das Internet unterrichten, Firmen online Meetings durchführen und Sportler virtuell gemeinsam trainieren, ist das echte gleichzeitige Musizieren über das Internet aufgrund der Verzögerung (Latenz) unmöglich. Das dachte ich zumindest bis jetzt. Anscheinend gibt es trotzdem eine Lösung…

Videokonferenztools

Videokonferenztools, wie Skype, Zoom, GoToMeeting, Jitsi Meet und Co. bringen uns momentan in der Corona Situation zusammen: Trotz Social Distancing, 1,5 m Abstand etc. helfen sie uns in Kontakt zu bleiben. Leider ist das Musizieren mit diesen Konferenztools nur bedingt und, wenn überhaupt, nur in stark abgewandelter Form möglich. Einige Chöre haben kreative Möglichkeiten und Konzepte entwickelt, wie man trotzdem zusammen Chorproben oder Projekte durchführt. Im Vergleich zu einer normalen Chorprobe ist diese Art des Musizierens jedoch sehr gewöhnungsbedürftig, und die einzelnen Sänger hören sich nicht gleichzeitig.

Videokonferenzplattformen sind zwar einfach im Setup und funktionieren meistens gut fürs Sprechen, jedoch ist häufig der Ton durch „Sprachverbesserungen“ so verändert, dass das Klavier bzw. Keyboard abgehackt klingen bzw. immer nur ein Sänger gleichzeitig gehört werden kann. Auch ist die Latenz, also die Verzögerung, bis das Signal bei den anderen Sängern ankommt, so hoch, dass gemeinsames Musizieren oder Begleiten eines Sängers mit dem Keyboard eigentlich unmöglich sind.

Lösungsansätze

Während Sprachverbesserungen beispielsweise in Zoom deaktiviert werden können, schien die Verzögerung ein unlösbares Problem zu sein. Nach längerer Recherche stieß ich auf Programme, die Bands zum „Online Jammen“, also zum gemeinsamen Musizieren über das Internet nutzen. Neben Programmen, wie JamKazam und Sofasession fand ich nach längerer Recherche schließlich ein vielversprechendes Tool.

Die erste Software, die wirklich gut funktioniert

Jamulus, eine Software, die recht einfach herunterzuladen ist und relativ gute Bewertungen erhält, erschien mir eine gute Lösung zu sein. Die Software ist Open Source und kann deshalb von jedem, der es wünscht, weiterentwickelt und verbessert werden. Auch steht keine Firma, sondern eine Hand voll aktiver Entwickler hinter der Software. Das einzige Problem dabei: Will man zusammen ungestört singen, benötigt man einen Server, also einen PC, der das Audiosignal aller Teilnehmer zusammenmischt und dann an alle weiterleitet. Oder man nutzt einen offiziellen Server, in den sich jeder Jamulus Nutzer einwählen kann. Dies ist bei einer privaten Chorprobe natürlich nicht wünschenswert; ein privater Server also zumindest für uns ein Muss (Setup siehe englischen Wiki-Eintrag von Jamulus). Der eigene Rechner bzw. der Rechner des Chorleiters kann das in einigen Fällen realisieren, sollte man nicht selbst einen Server in einem Rechenzentrum besitzen. Dann muss man sich jedoch auch hier mit dem Thema „Portweiterleitungen“ beschäftigen, jedoch nur die Person, die den Server betreibt. Das ist nicht so schwer und klappt eigentlich mit jedem Router.

Voraussetzungen

Da ich einen eigenen Server in einem Rechenzentrum miete, war dieser aufgrund der guten Internetanbindung die bessere Wahl. Nach Audiosetup war klar, dass die Audioqualität sowie die Verzögerung um Klassen besser, als bei Videokonferenzlösungen war. Der Aufwand hatte sich also gelohnt. Um diese Qualität zu halten, gibt es, wie eigentlich bei jedem Online Jamming Tool, ein paar Voraussetzungen:

  • Man benötigt einen PC/Mac.
  • Der Ping, also die Zeit, die es dauert, bis Daten vom eigenen Computer zum Server und wieder zurück geschickt werden, sollte so gering, wie möglich sein.
  • Die Übertragung muss stabil sein, indem man eine LAN-Verbindung zwischen PC und Router verwendet (LAN-Kabel liegen häufig dem Router bei und sind recht günstig) um eine stabile Tonübertragung zu gewährleisten
  • Um Rückkopplung zu vermeiden, benötigt man einen Kopfhörer.
  • Unter Windows benötigt man einen ASIO-Treiber. Häufig reicht ASIO4All für die integrierte Soundkarte. Sollte solch ein Treiber schon installiert sein, wird das später in Jamulus angezeigt. Die Qualität des vorinstallierten Treibers ist normalerweise besser als ASIO4All. Wer Geld übrig hat, kann auch ein externes Audiointerface (also eine externe Soundkarte) und ein externes Mikrofon kaufen, das die Verzögerung nochmals verringert sowie die Tonqualität verbessert. Ob sich das lohnt, muss jeder selbst entscheiden.

Zusammengefasst, die Voraussetzungen sind nicht all zu hoch, das initiale Setup (im Hinblick auf den Server) ist zwar nicht trivial aber machbar. Deshalb sollte dies von einem technikaffinen Chormitglied durchgeführt werden. Portweiterleitungen sollten, sobald man Jamulus nicht mehr benutzt, wieder rückgängig gemacht werden!

Einrichtung

Anleitungen zum Setup findet man bei audiogeek11.com: https://audiogeek11.com/jam-music-online-with-jamulus/ und im Jamulus Wiki.

Da es sich bei Jamulus um selten verwendete und unsignierte Software handelt, wird die Installation standartmäßig von Windows sowie macOS blockiert. Um die Software trotzdem ausführen zu können, muss man auf Windows auf “Weitere Informationen” und danach auf “Trotzdem ausführen” klicken (siehe den Artikel zu Smartscreen von bitreporter) und für macOS die beschriebenen Schritte zum Öffnen von Apps unbekannter Entwickler der Apple Support Seite ausführen (Siehe Support Seite von Apple).

Mein Virenscanner hat Jamulus als ungefährlich eingestuft und ich konnte keine Viren o.Ä. feststellen. Trotzdem sollte man bei unbekannter Software immer vorsichtig sein.

Fazit

Echte Onlineproben sind heutzutage gut möglich. Da es sich dabei jedoch eher um Nischensoftware handelt, ist die Einrichtung, sowie das Tonsetup nicht immer einfach. Eine stabile Internetverbindung, ein PC/Mac, Kopfhörer sowie auf Windows ein ASIO Treiber sind bis jetzt bei allen getesteten Programmen Pflicht. Bei meiner Recherche habe ich wieder einmal herausgefunden, dass Foren, Websites und YouTube Videos Gold wert sind. Bei Fragen wird man eigentlich fast immer fündig. Aus Zeitgründen kann es leider keinen Support o.Ä. anbieten, das Internet sowie die entsprechenden Wikis sind jedoch sehr hilfreich. Was macht ihr während Corona? Welche Projekte laufen bei euch? Wir freuen uns über Beiträge!

Weiterführende Links

Stephan Luckow hat einen Artikel über Jamulus geschrieben: https://www.gesellschaft-zur-entwicklung-von-dingen.de/blog/jamulus-virtueller-proberaum.html

Die Band Reunion hat Jamulus getestet: https://reunioncountry.de/probe-nicht-virtuos-aber-virtuell/

Das Vierimpuls Quartett hat schon vor Corona online geprobt: https://kulturdata.de/wie-ein-streichquartett-ueber-1000km-gemeinsam-probt/

Autor

Jonathan Smith-Chung
Redakteur

06.06.2020 

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